meine Erziehungsgrundsätze

Auf den folgenden Erziehungsgrundsätzen basiert meine Grundhaltung bei der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Daran orientiere ich mein Handeln.

 

Erziehung gelingt nicht ohne Beziehung.

Kindererziehung gelingt dann, wenn die Beziehungen zu den Bezugspersonen intakt sind. Dies ist für mich der entscheidende Aspekt bei der Erziehung von Kindern – und gleichzeitig der schwierigste. Schwierig deshalb, weil er sehr schwer zu verändern ist. Wenn man an das Thema der Beziehung herangeht, dann kommt eine weitere Person mit ihrer Persönlichkeit und ihrem Sosein ins Spiel. Der Rahmen erweitert sich über das Kind und sein System hinaus. Gleichzeitig ist diese Beziehung und die Erfahrungen die das Kind damit macht Teil des kindlichen Systems und damit seines Verhaltens geworden. Nachhaltige positive Veränderungen in der kindlichen Entwicklung finden immer dann statt, wenn sich Beziehungen entspannen, positiv entwickeln, ganz allgemein, wenn sie sich positiv verändern. Dazu jedoch muss der Erziehende bereit sein. Solange er den Fehler nur in einem Fehlverhalten des Kindes sucht, wird Erziehung ein wackeliger Drahtseilakt bleiben und früher oder später zu größeren Schwierigkeiten führen, wie auch immer diese aussehen mögen. 

 

Jedes Kind hat grundlegende Bedürfnisse, die sein Verhalten bedingen. Ich sehe hierbei vier Bedürfnisse als grundlegend an (vgl. z.B. Decy/Ryan). Diese Bedürfnisse gilt es zunächst zu verstehen und anzuerkennen, um dann mit ihnen (und nicht gegen sie) zu arbeiten: 

 

1. Das Bedürfnis nach Autonomie: Das Kind möchte sich als selbstbestimmt erleben und nicht ständig bevormundet werden. Dies drückt sich schon beim Kleinkind in der sogenannten Trotzphase aus, wenn das Kind sagt: „Ich will das selbst tun.“ Oder „Ich will es alleine machen.“

 

2. Das Bedürfnis nach sozialer Zugehörigkeit: Das Kind möchte durch das was es tut Zuwendung und Anerkennung von anderen Menschen. Bekommt es diese Zuwendung nicht, so leidet es und wird versuchen durch ein anderes Verhalten Aufmerksamkeit zu bekommen. Dies erleben wir dann häufig als Störung unserer Bedürfnisse, mit dem Ergebnis, dass wir darauf reagieren. Diese Reaktion mag negativer Natur sein (Tadeln, Schimpfen, Ermahnen) aber zumindest bekommt das Kind Zuwendung und Aufmerksamkeit und wird damit Teil eines Systems (von Menschen), was sein ursprünglicher Antrieb war. Leider entwickelt dies im Kind jedoch die Einsicht, dass es mit diesem „störenden“ Verhalten zumindest registriert wird. Häufig entsteht dadurch ein Teufelskreis: mehr dieses störenden Verhaltens erzeugt ein Mehr an elterlicher Reaktion. Diesen Kreislauf gilt es zu durchbrechen.

 

3. Das Bedürfnis sich als kompetent zu erleben: Das Kind möchte die Dinge und Personen  seiner Welt verstehen um dadurch Sicherheit zu bekommen. Wir alle streben nach Kompetenz, d.h. eine Sache, die uns als wichtig erscheint zu beherrschen. Dies ist letztlich Ziel allen Lernens. Jedes Kind, das eine Sache für sich entdeckt hat, in der es sich als kompetent erlebt wird durch dieses Erleben zufriedener, weil es einen Platz in dieser Welt gefunden hat an dem es das Gefühl hat die Dinge zu durchschauen und damit die Dinge kontrollieren zu können.

 

4. Jedes Kind hat das Bedürfnis nach echten Erfahrungen: Das Kind möchte nicht belehrt werden, es will die Dinge selbst tun und seine Erfahrungen sammeln. Soweit dies möglich und sinnvoll ist, sollten wir dem Kind diese Erfahrungen ermöglich. Es gleicht hierbei einem Forscher, der nach Antworten sucht. Es entspricht nicht dem kindlichen Lernen und der kindlichen Neugier immer schon fertige Antworten zu bekommen. Ich orientiere mich hierbei auch am Reformpädagogen John Dewey, der schon vor 100 Jahren zu der Erkenntnis kam: "Ein Gramm Erfahrung ist mehr wert als eine Tonne Theorie."

 

Jedes Kind möchte Dinge in seinem Rhythmus und auf seine Art tun und zu Ende bringen können.

Schon Rousseau unterschied zwischen der Erziehung durch die Natur, die Dinge und den Menschen. Genau in dieser Reihenfolge, so Rousseau, solle die Erziehung erfolgen. Zunächst solle das Kind möglichst viel in und mit der Natur spielen (ohne vorgefertigte Spielsachen!), hier bildet es seine Sinne aus, hier erfährt es Grenzen, hier lernt es, sich zu spüren und seine Kompetenzen einzuschätzen (auf diesem Baum kann ich nicht balancieren, weil er nass ist). Alle diese Fertigkeiten sind von unendlicher Wichtigkeit für die weitere Entwicklung. Im Umgang mit den Dingen erfährt das Kind ebenfalls seine Grenzen und Möglichkeiten. Wir müssen den Kindern (ausreichend) Zeit und (passenden) Raum geben, seine Umwelt zu erforschen. Mit den Kompetenzen wachsen die Möglichkeiten. Das Kind wird hier immer wieder und beständig auf Hindernisse stoßen, die sogenannte kognitive Konflikte (ein Begriff der wesentlich durch Jean Piaget geprägt wurde) auslösen. Die Konflikte können und sollen wir nicht beständig durch Erklärungen auflösen, sondern das Kind wird das Bedürfnis haben, diese forschend selbst zu lösen (vgl. auch die Bedürfnisse nach Kompetenz und Autonomie). Dies wiederum stärkt ein positives Selbstbewusstsein.

 

Jedes Kind lernt (zunächst) vor allem durch Nachahmung.

In der wissenschaftlichen Theorie wird dies gerne als Lernen am Modell (vgl. Bandura) bezeichnet. Man weiß heute, dass diese Form des Lernens eine der nachhaltigsten und prägendsten Formen des Lernens ist. Genau deshalb verwies z.B. Piaget auch immer auf die Wichtigkeit von altersgemischten Klassen an Schulen. Die jüngeren lernen von den älteren, durch Beobachtung, Nachmachen und Ausprobieren gelangen sie zur Kompetenz. Gerade deshalb ist es wichtig, dass Kinder mit anderen Kindern spielen, aber nicht nur dort wird nachgeahmt. Ganz entscheidend werden Bezugspersonen nachgeahmt. Bezugspersonen sind in allererster Linie die Eltern. Insofern bekommen Sie im kindlichen Verhalten auch ihr eigenes Verhalten gespiegelt. Das Kind bildet sein „System“ in Entsprechung zu ihrem „System“ aus. Es versucht in Passung zu gehen. Wenn Sie Ihr Kind beim Spielen beobachten, dann werden Sie viele Sätze und Handlungen entdecken, die sich ihr Kind von Ihnen abgeschaut hat. Das Kind spiegelt Sie und Ihr Verhalten in vielfältiger Form.

 

Jedes Kind hat Stärken und Schwächen.

So verstanden ist jedes Kind „hochbegabt“ (ich benütze diesen Begriff höchst ungern, weil er in der aktuellen Schuldebatte absolut einseitig und vor allem durch die pädagogische Psychologie definiert wird). An uns als Bezugspersonen liegt es, diese „Hochbegabung“ zu entdecken und dem Kind dabei zu helfen, diese Begabungen weiter zu entwickeln. Gleichzeitig aber müssen wir auch die Aspekte entdecken, die dem Kind Schwierigkeiten bereiten (werden). Diese „Schwächen“ gehören zu jedem Menschen und sind Teil der natürlichen Entwicklung des Kindes – und dies ein Leben lang.

 

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